Kapitel 6 von 9 ca. 2 Minuten
Mechtild Reinhard, die aus einem hypnosystemischen Grundverständnis heraus ein eigenes Modell entwickelt hat, unterscheidet zwei Bezugssysteme, zwischen denen Menschen und Systeme sich bewegen.
Das Bezugssystem der Welt – ich zitiere hier aus dem Projektmaterial, in dem ihre Arbeit dokumentiert ist – ist gekennzeichnet durch: Abbildung und Objektivität als Anspruch, Ausgang vom Mangel und Defizit, Kontrolle, Sicherheit durch Ringen um Kontrolle, Loyalität nach außen, Hierarchie im Sinne von oben/richtig und unten/falsch. Martin Bubers Begriff des ICH-ES findet sich hier wieder: das Gegenüber als Objekt, das man sich rausnehmen kann aus der eigentlichen Verbundenheit.
Das Bezugssystem des Paradieses – der Name ist bewusst provokativ – beschreibt das Gegenteil: Subjektivität und Intersubjektivität als Erkenntnisquelle, Ausgangspunkt der Fülle, Vertrauen, Sicherheit aus der Ungewissheit, Loyalität nach innen, Stimmigkeit als Maßstab statt externer Norm. Bubers ICH-DU: das Gegenüber als Subjekt, dem ich wirklich begegne.
Ich möchte diese Modell-Beschreibung nicht vereinfachend mit Geschlechterkategorien überblenden. Reinhard hat das nicht so gemeint, und es wäre reduktiv.
Aber es fällt auf – und das, so scheint mir, ist kein Zufall –, dass die Eigenschaften des Bezugssystems der Welt in westlichen Gesellschaften traditionell als „männlich" kodiert wurden: Kontrolle, Objektivität, Hierarchie, Sicherheit durch Machterhalt. Und die Eigenschaften des Bezugssystems des Paradieses – Vertrauen, Verbindung, Stimmigkeit, ICH-DU – wurden als „weiblich" kodiert.
Und dann wurde das Bezugssystem der Welt als das bewertet, aus dem heraus man erfolgreich führt, entscheidet und wirkt. Das Bezugssystem des Paradieses als das, aus dem heraus man vielleicht gut fühlt, aber nicht wirklich gut führt.
Das ist, wenn ich von Foerster ernst nehme, die Beschreibung eines Beobachters. Eines Beobachters, der selbst tief im Bezugssystem der Welt verortet war – und deshalb gar nicht bemerkte, dass er eine Wahl traf, wenn er beschrieb, was gute Führung ausmacht.