Kapitel 4 von 9 ca. 1 Minute

Es scheint mir plausibel, dass ein großer Teil der Beschreibungen, die unsere Gesellschaft über Jahrhunderte von Kompetenz, Führung, Rationalität und Stärke produziert hat, von Beobachtern stammt, die eine bestimmte Gemeinsamkeit hatten: Sie waren mehrheitlich männlich. Sie waren mehrheitlich aus privilegierten sozialen Schichten. Und sie beschrieben eine Welt, in der ihre eigene Art zu sein als Maßstab galt.

Das ist keine Verschwörungstheorie. Es ist eine historische Beobachtung. Philosophie, Wissenschaft, Theologie, Recht, Wirtschaft – die Institutionen, die über Jahrhunderte definiert haben, was als wahr, richtig und wertvoll gilt, waren Räume, aus denen Frauen, aber auch viele Männer ohne Zugehörigkeit zur dominanten Gruppe, systematisch ausgeschlossen waren.

Die Konsequenz ist von Foerster'sch präzise beschreibbar: Wer immer von denselben Beobachtern beschrieben wird, glaubt irgendwann, die Beschreibung sei keine Beschreibung, sondern die Sache selbst. Die Karte wird mit dem Territorium verwechselt.

Konkret: Was als „rationale Entscheidungsfindung" gilt, was als „emotionale Reaktion" gilt, was „professionelles Verhalten" ausmacht, was „Schwäche" ist und was „Stärke" – diese Kategorien sind nicht neutral. Sie sind das Ergebnis von Beobachtungen aus einer spezifischen Position. Und diese Position war so lange die einzige sichtbare, dass sie sich selbst unsichtbar machen konnte.