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3.1 Die Unterscheidung zwischen willkürlich und unwillkürlich

Eine der wichtigsten Unterscheidungen in der Hypnosystemik ist die zwischen willkürlichem und unwillkürlichem Erleben. Willkürlich ist, was als selbst gemacht erlebt wird – bewusst gesteuert, rational kontrolliert, intentional. Unwillkürlich ist, was als „von alleine passierend“ erlebt wird, was sich nicht direkt steuern lässt: das Herzklopfen beim Betreten eines Raums, der plötzlich auftauchende Name, das Erröten in einer bestimmten Situation.

Wichtig ist die Abgrenzung zum Begriff „unbewusst“. Unbewusst ist ein Oberbegriff für alles, was außerhalb der bewussten Wahrnehmung abläuft. Alles Unbewusste ist unwillkürlich – aber nicht umgekehrt: Unwillkürliche Prozesse können durchaus wahrgenommen werden, nur nicht gesteuert. Gunther Schmidt zieht diese Unterscheidung aus ethischen Gründen: „Unbewusst“ erzeugt die Vorstellung von etwas Verborgenem, Tiefem, Bedrohlichem – und damit Abhängigkeit vom Expertenblick. „Unwillkürlich“ beschreibt etwas Alltagliches, Vertrautes, jedem zugänglich Erfahrbares – und stärkt die Selbstwirksamkeit.

3.2 Trance ist nicht der Ausnahmezustand

Von hier aus wird das Trance-Konzept der Hypnosystemik verständlich. Trance ist der Zustand, in dem unwillkürliche Prozesse das Erleben dominieren – in dem die Aufmerksamkeit so intensiv auf etwas fokussiert ist, dass anderes aus dem Bewusstsein ausblendet. Das geschieht in der Hypnosetherapie. Es geschieht aber auch beim Lesen eines spannenden Buchs, im Flow des Arbeitens, im Wiedererleben einer schmerzhaften Erinnerung, im Grübeln über ein unlösbares Problem.

Menschen sind immer in einer Trance. Die Frage ist nur: in welcher? In der Gewohnheitswirklichkeit – dem üblichen Alltagsmuster, strukturiert, analytisch, auf Entweder-oder-Logik ausgerichtet? In einer Problemtrance, in der die Aufmerksamkeit so eingeengt auf das Problem fokussiert ist, dass Wahlmöglichkeiten unmöglich erscheinen? Oder in einer Lösungstrance, in der Potenziale und Ressourcen in den Vordergrund rücken und Sowohl-als-auch-Logik möglich wird?

Der Begriff der Konversionstrance oder Konversationstrance beschreibt, dass auch normales Gespräch – ohne Ritual, ohne geschlossene Augen – Trance-Qualitäten hat: Jedes zielgerichtete Gespräch, das Aufmerksamkeit lenkt, ist eine Form der Trance-Induktion. Jede Frage, jede Diagnose, jede therapeutische Beschreibung bahnt Assoziationen und erzeugt das Erleben, nach dem gefragt wird. Es gibt keine neutrale Kommunikation.

3.3 Der Möglichkeitsraum

Das gesamte Erlebnispotenzial eines Menschen lässt sich als großer Kreis vorstellen. Was jeweils als Wirklichkeit erlebt wird, ist immer nur ein Ausschnitt davon – bestimmt durch die aktuelle Fokussierung. Problemtrance bedeutet, dass dieser Ausschnitt sich verengt, bis er das Subjekt vollständig zu umschließen scheint: Die Problemwirklichkeit erscheint als die einzige Wirklichkeit, Alternativen als undenkbar.

Die Potenzialhypothese besagt: Alle hilfreichen Kompetenzen und Ressourcen sind im Möglichkeitsraum bereits vorhanden. Sie müssen nicht erschaffen, sondern reaktiviert werden. Was verändert werden muss, ist die Fokussierung – der Ausschnitt, der als Wirklichkeit erlebt wird.

3.4 Priming: Alltag als Hypnose

Priming-Forschung (Bargh, Higgins und andere) hat gezeigt, dass vorherige Reize die Verarbeitung nachfolgender Reize unbewusst beeinflussen – ohne dass die Betroffenen sich dessen bewusst sind. Gunther Schmidt nutzt diesen Befund als Brücke zwischen Hypnotherapie und Alltag: Wenn jede Frage, jedes Wort, jede Diagnose Assoziationen bahnt und damit Erleben erzeugt, dann findet hypnotische Beeinflussung permanent statt – in der Werbung, in den Nachrichten, in der Familiensprache, in Arztgesprächen und in therapeutischen Interventionen.

Solution Talk (de Shazer) – Gespräche, die sich auf Lösungen und Ressourcen konzentrieren – ist Priming für Lösungstrance. Problem Talk ist Priming für Problemtrance. Jede Diagnose nach ICD-10 ist eine Tranceinduktion in Richtung Pathologie und Defizit. Daraus folgt: Therapeutisches Gespräch sollte als konsequentes Ritual der Aufmerksamkeitsfokussierung verstanden werden – jede Frage als Intervention, jedes Wort als möglicher Anker.

3.5 Das dreifaltige Gehirn – warum Sprache allein nicht reicht

Die Neurobiologie liefert das empirische Argument für eine der wichtigsten praktischen Einsichten der Hypnosystemik. Das Gehirn ist kein einheitliches System: Der Cortex denkt langsam, differenziert und sprachlich. Das limbische System – Amygdala und verwandte Strukturen – entscheidet schnell, unwillkürlich, bildhaft und emotional. Es trifft Vorentscheidungen, bevor der Cortex sie überhaupt bemerkt. Das Stammhirn schließlich ist uralt, physiologisch und überlebensbezogen.

Für die Therapie bedeutet das: Kognitive Interventionen, die nur den Cortex ansprechen, greifen oft nicht tief genug. Problemtrance lebt im limbischen System. Es spricht nicht die Sprache des Cortex – es spricht Bilder, Metaphern, Rhythmus, Körperzustände und Rituale. Deshalb sind diese Elemente in der hypnosystemischen Arbeit keine Ergänzung, kein kreativer Zusatz – sie sind das eigentliche therapeutische Medium. Das ist auch der Grund, warum die Hypnosystemik als erlebnisorientierter Ansatz gelernt werden muss, nicht nur als kognitives System: Wer die Konzepte kennt, aber den Zugang zum Unwillkürlichen nicht geübt hat, arbeitet mit einem Werkzeug, das er nicht zu führen weiß.

Sprachlich arbeitet Gunther Schmidt auf zwei Ebenen, die von Bandler und Grinder als Meta- und Miltonmodell beschrieben worden sind – auch wenn Schmidt diese Terminologie selbst kaum verwendet. Das Metamodell beschreibt, wie Problemsprache Wirklichkeit einengt: durch Tilgung (was wird weggelassen?), Generalisierung (was wird verallgemeinert?) und Verzerrung (was wird als feststehend behandelt, obwohl es konstruiert ist?). Das Miltonmodell ist die Umkehrung: bewusst offene, unspezifische Sprache, die Raum für autonome innere Prozesse lässt und den Klienten einlädt, den Raum mit eigenem Erleben zu füllen.