Kapitel 7 von 12 ca. 4 Minuten
„Wer bin ich, und wenn ja wie viele?" — ein Vortragstitel von Gunther Schmidt aus dem Jahr 2003 — beschreibt die Grundintuition des Modells präziser als jede Definition.
Die Einführung: Dissoziation durch Sprache
Der Einstieg ins Seitenmodell geschieht fast immer im Pacing — in voller Würdigung des Leidens. Erst wenn das Erleben des Klienten wirklich anerkannt ist, öffnet sich ein hypothetischer Möglichkeitsraum: „Ja, ich kann mir sehr gut vorstellen, wie belastend das für Sie sein muss. Aber mal angenommen — dieses Problem wäre nur eine Seite in Ihnen? Vielleicht eine von vielen Seiten? Und vielleicht mögen Sie es nochmals beschreiben — aber so, dass Sie dabei formulieren, dass da eine Seite in Ihnen ist, die..."
Diese Einladung ist bereits eine Bahnung zur Dissoziation. Die Identifikation mit dem Leidvollen wird gelockert — nicht durch Widerspruch, sondern durch eine andere Beschreibungsform. Das Problem verschwindet nicht. Aber es rückt ein Stück von der Mitte des Ichs weg. Und in diesem kleinen Abstand liegt bereits ein erster Freiheitsgrad.
Manchmal wird die Einladung durch die Frage nach dem Alter der Seite ergänzt: Wie alt könnte diese Seite sein? Wie groß waren Sie, als sie entstand? Diese Frage ist kein fester Bestandteil, sondern ein kontextabhängiges Werkzeug — hilfreich wenn ein Klient mehr Unterstützung braucht um Zugang zur Dissoziation zu finden, wenn ein Kontrast zwischen der jüngeren Seite und dem heutigen Erwachsenen-Ich produktiv wäre, oder wenn der Klient ein Bedürfnis nach Verstehen und Erklärung mitbringt. Dieses Bedürfnis wird nicht übergangen — es wird utilisiert als Brücke zum Modell.
Das Modell selbst
Menschen sind keine einheitlichen Wesen mit einer konsistenten inneren Stimme. Sie sind Systeme mit vielen Seiten — inneren Zuständen, Erlebensweisen, Teilen — die in verschiedenen Kontexten aktiviert werden und sich gegenseitig beeinflussen. Was als Widerspruch oder innerer Konflikt erlebt wird, ist aus dieser Perspektive kein Defizit, sondern die natürliche Komplexität eines lebenden Systems.
Jede Seite hat ihre eigene Geschichte, ihre eigenen Bedürfnisse, ihre eigene Logik. Auch die Seite, die leidet oder stört. Auch die Seite, die sich selbst bekämpft. Auch die Seite, die nicht loslassen kann. Aus der Metaposition des beobachtenden Ichs wird es möglich, diese Seiten wahrzunehmen, ohne von ihnen überwältigt zu werden — sie zu würdigen, ohne sich mit ihnen zu identifizieren.
Die Benennung der Seiten geschieht durch den Klienten selbst — nicht durch die Fachkraft. Der selbstgewählte Name ist bereits eine Intervention. Eine Seite, die der Klient selbst „die kleine Kämpferin" oder „der erschöpfte Teil" nennt, ist eine andere Wirklichkeit als „meine Angst" oder „mein Problem". Hier schließt sich der Kreis zum Umbenennen als eigenem Prinzip — und zur neurobiologischen Grundlage: Cells that fire together, wire together. Ein anderer Name aktiviert andere Netzwerke.
Der systemische Kontext
Welche Seite wann aktiviert wird, ist keine rein innere Angelegenheit. Das Nervensystem reagiert unwillkürlich auf das, was der Kontext anbietet — auf Einladungen der Umgebung, der Beziehung, der Situation. Eine bestimmte Stimmlage, ein bestimmter Raum, ein bestimmter Blick können eine Seite aktivieren, bevor der Verstand auch nur bemerkt, was geschieht. Das ist nicht Schwäche — es ist systemische Logik.
Diese Perspektive entlastet. Wenn eine alte, unerwünschte Seite auftaucht, ist das keine Rückkehr des Versagens — es ist eine Antwort auf einen Kontextreiz. Die Frage verschiebt sich: nicht „Warum bin ich wieder so?" — sondern „Auf welche Einladung reagiere ich gerade?"
Die Beziehung zu den eigenen Seiten
Das eigentlich Transformative am Seitenmodell ist nicht nur die Dissoziation — es ist die Veränderung der Beziehungsqualität zur eigenen Innenwelt. Viele Klienten begegnen ihren unerwünschten Seiten mit Ablehnung, Scham oder Kampf. Das ist verständlich — und es verstärkt das Muster.
Was das Seitenmodell ermöglicht, ist ein anderer Umgang: Neugier statt Abwehr, Würdigung statt Kampf. Eine Seite, die auftaucht, kann als Informationsträger begrüßt werden — als Signal, dass etwas Wichtiges gerade Aufmerksamkeit braucht: „Hallo, da bist du ja wieder. Erinnerst du mich gerade an etwas Wichtiges? Habe ich gerade etwas an mir nicht ausreichend gewürdigt? Danke, dass du mir sagst, dass ich besser auf mich achten sollte."
Das ist Utilisation auf der Ebene des inneren Systems — und gleichzeitig Reframing: Die Seite ist nicht Feind, sondern Bote. Und wer seinen Boten liebevoll oder neugierig oder gar süffisant begrüßt, bekommt eine andere Botschaft als wer ihn bekämpft.
Ast: 4 (Musterorganisation & Intervention) — primär; gleichzeitig Ast 2 (Symptom & Problemtrance) und Ast 3 (Systemdynamik & Regeltrance)
Grundaufgabe: Exduktion durch Dissoziation — und Neuverhäkeln durch veränderte Beziehung zu den eigenen Seiten
Musterebene: Benennung, Bewertung, innerer Dialog — alle drei gleichzeitig
Realitätenkellner-Perspektive: Das Seitenmodell ist ein Angebot — der somatische Marker zeigt ob die Einladung angekommen ist: ein spürbares Innehalten, eine veränderte Körperhaltung, manchmal ein leises Lächeln der Wiedererkennung.